Zahlenwahn

Wer Unternehmen und Bücher führt, muss mit allem rechnen.

Wer nicht mehr weiter weiß, gründet (meistens) einen Arbeitskreis. Oder sucht bisweilen auch mal psychologischen Rat. Wem das nicht hilft, dem steht das Angebot der deutschlandweit rund 100.000 Selbsthilfegruppen offen. Hier finden gut drei Millionen Geplagte und Gepeinigte das, was ihnen woanders oftmals versagt bleibt: Zuspruch, Verständnis, Selbstklärung – und Gleichgesinnte. Doch was hat das mit unserer Titelgeschichte zu tun? Ganz einfach: In einer Welt voller Tabellenkalkulationen und Zahlenkolonnen verirren sich immer mehr Unternehmer und Entscheider im Dickicht betriebswirtschaftlicher Kennzahlen. Sie fragen sich: Warum braucht es für alles und jedes einheitliche Bewertungskriterien? Liefert »messen, zählen, wiegen« Antworten auf wichtige Zukunftsfragen? Was ist für wen wie viel wert? Und warum? So ist es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die erste Selbsthilfegruppe gründet. 360° hat ein fiktives Treffen nachgestellt.

Stefan (38, Diplom-Wirtschafts-Psychologe, Bankkaufmann, Moderator und Initiator der Selbsthilfegruppe »Zahlenwahn«): Schön, dass ihr heute gekommen seid. Es ist das erste Treffen und ich bin ganz gespannt, was uns heute Abend erwartet. Die Idee zu der Gruppe hatte ich schon lange. Aber ihr wisst ja selber, wie das mit dem ersten Schritt ist. Seit zwei Jahren arbeite ich an einem Balanced-Scorecard-Projekt in einem Chemieunternehmen. Wir trimmen einzelne Produktionsprozesse auf Effizienz. Und je tiefer ich in diese Prozesse eingestiegen bin, desto fragwürdiger fand ich unsere Methoden. Doch mittlerweile komme ich nicht mehr damit zurecht, dass sich jede noch so kleine Maßnahme an einem gemeinsamen Ziel ausrichten soll … (schaut nach links)

Carola (49, selbstständige Friseurmeisterin, verheiratet, zwei Kinder): Ja, hallo, ich bin die Carola. Ich bin hier, weil ich schlecht schlafe. Und das schon seit Monaten. Denn ich habe Stress mit meiner Hausbank. Wir wollen einen zweiten Friseur-Laden eröffnen und brauchen eine Finanzierung. Es geht eigentlich nur um 6.000 Euro. Das habe ich mir alles viel einfacher vorgestellt! Obwohl ich schon lange Kunde und damit bekannt bin, soll ich einen Businessplan für die nächsten fünf Jahre erstellen. Damit bin ich total überfordert, würde mich lieber um meine Kunden kümmern.

Richard (63, Bilanzbuchhalter, Witwer, seit 30 Jahren bei einem Automobilzulieferer beschäftigt): Guten Abend. Ich heiße Richard. Seit einem Jahr leide ich unter starken Kopfschmerzen. Und die kommen vom Job. Wir haben einen jungen Kollegen in der Abteilung, der mächtig Dampf macht. Kommt dauernd mit Vorschlägen für mehr Transparenz, damit die Eigentümer wissen, was läuft. Ehrlich gesagt: Fachlich bin ich ihm gewachsen. Aber menschlich komme ich einfach nicht klar mit diesem ewigen »wir müssen jeden Tag ein bisschen transparenter werden«.

Sonja (28, Bürokauffrau, Controllerin IHK): Hallo, Sonja mein Name. Im nächsten Jahr gehen meine Eltern in den Ruhestand. Dann übernehme ich gemeinsam mit meinem Bruder unseren Baustoffhandel. Ich bin hier, weil ich etwas dazulernen will. Denn eigentlich finde ich bestimmte Kennzahlen sehr hilfreich. Sie erleichtern mir die Betriebsführung und machen Bankgespräche zum Kinderspiel. Ich bin mir nur nicht immer sicher, ob das reicht, um die Firma voran zu bringen. Mir fehlt einfach die Erfahrung und deshalb klammere ich mich gerne an Excel-Tabellen. Ob das gut ist? Ich weiß es nicht …

Stefan: Ok, ich dank’ euch. Und möchte gleich eine Frage loswerden. Und zwar an dich, Carola. Was ist so schlimm daran, dass deine Bank wissen will, was du mit dem Kredit vorhast? Es ist ja nicht ihr Geld, sondern das Geld der anderen Kunden. Aus meiner Sicht liegt da ein berechtigtes Interesse vor.

Carola: Das verstehe ich schon. Doch ich kann einfach nicht seriös voraussagen, wie viele Kunden in zwei, drei, vier Jahren in meinen Laden kommen werden. Da spielen viele Aspekte eine Rolle. Aber trotzdem brauche ich Stühle, Waschbecken, Spiegel … Und die Bank weiß schließlich auch nicht, wie viele Kunden sie im Jahr 2016 haben wird.

Richard: »Nicht wissen« ist aber nicht gleichzusetzen mit »nicht planen«! Deine Bank plant natürlich strategisch und operativ, wie sie den regionalen Markt bearbeiten möchte, wertet die Entwicklung der Einwohnerzahlen in der Region mit allen wichtigen sozio-demografischen Daten aus und schaut, was andere Banken tun, um Kunden hinzuzugewinnen. Unter diesen Bedingungen machen Kennzahlen also sehr viel Sinn.

»Ganz ohne Kennzahlen geht es eben nicht.«

Stefan: Danke euch beiden. Trotzdem ist noch nicht ganz klar, wo genau Carola der Schuh drückt?!

Sonja: Also mir schon. Carola steht den ganzen Tag im Laden und kümmert sich um ihre Kunden. Das machen meine Eltern seit 30 Jahren so. Da beschäftigt man sich nicht so nebenbei mit Finanzkennzahlen und Controlling. Aus deren Sicht ist der betriebswirtschaftliche Teil eine lästige Pflichtübung, ein notwendiges Übel.

Carola: Da ist was dran. Auch ich führe natürlich Buch. Und ich plane auch, welche Investitionen anstehen und ab wann sich diese für mich bezahlt machen. Doch der Aufwand, den ich dafür betreibe, hält sich in engen Grenzen. Deshalb ist mir auch nicht klar, warum eine Bank detaillierte Planzahlen über mehrere Jahre hinweg braucht und uns mit einem Unternehmen vergleicht, das Millionenumsätze macht und viele Menschen beschäftigt. Da stimmt doch das Verhältnis zwischen Aufwand und Erkenntnisgewinn nicht.

Richard: Das kann ich vielleicht erklären. Wer den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen analysieren und bewerten möchte, sollte einheitliche Maßstäbe zugrunde legen. Das sind Kennzahlen. Sie bilden komprimiert maßgebliche finanzielle Sachverhalte ab. Dadurch ermöglichen sie auch eine Vergleichbarkeit innerhalb deiner Branche. Aber eine Bilanz ist natürlich immer nur eine Momentaufnahme. Wo die Reise hingeht, kann sie nicht zwingend beantworten.

Stefan: … und muss sie auch nicht, finde ich. Die Bilanz ist ein Informationsinstrument. Für dich, Carola, für deine Bank, deinen Steuerberater. Wer sie richtig liest, weiß, wie es deinem Unternehmen geht. Für Banken geht es vor allem um das Einschätzen und Bewerten von Risiken. Am Ende des Tages reicht der Blick in die Kasse oder aufs Konto nämlich einfach nicht aus. Aber das rechte Maß der Dinge zu finden, das ist sicher keine leichte Aufgabe.

Sonja: Da stimme ich Stefan zu! Wie viel ist wirklich gut? Kann man Mitarbeiterzufriedenheit ausschließlich nach Kennzahlen bemessen? Lässt sich Loyalität an einer Skala ablesen? Helfen Nachkommastellen bei der Neukundengewinnung? Ich meine: nein. Jedenfalls nicht alleine. Nach meiner Ansicht ist die Welt viel zu komplex, um sie in drögen Zahlen abzubilden. Wir fühlen uns scheinbar nur viel sicherer, wenn wir Grafiken und Charts vor uns ausbreiten und zum 100ten Mal unseren wirtschaftlichen Erfolg präsentiert haben.

Richard: Für mich ist klar: Ganz ohne Kennzahlen geht es nicht. Es geht also um das richtige Maß und die korrekten Methoden. Das meiste davon ist in Vorschriften und Gesetzen geregelt. Daran müssen sich Unternehmen und Privatpersonen nun mal halten. Ob das immer angemessen ist, will ich nicht beurteilen …

Carola: Da machst du es dir aber etwas zu einfach, Richard. Kein anderes Land hat mehr Steuergesetze und Regeln. Nirgendwo sonst ist es so kompliziert, den Vorschriften der Finanzbehörden zu genügen. Es geht hier um viel grundsätzlichere Fragen! Ist diese Regelflut überhaupt zeitgemäß? Muss sich ihnen jeder ausnahmslos unterwerfen, auch wenn deren Nutzen fragwürdig ist?

Stefan: Okay, Zeit für eine erste Zwischenbilanz, finde ich. Wenn ich die Diskussion richtig interpretiere, stellt niemand grundsätzlich betriebswirtschaftliche Kennzahlen infrage. Ihr fragt euch aber, in welchem Zusammenhang wie viel Aufwand angemessen ist, um den unterschiedlichen Blickwinkeln gerecht zu werden. Banken, Finanzamt, Unternehmer – jeder stellt andere Ansprüche an die Aussagekraft von Finanzkennzahlen. Es kommt also demnach darauf an, aus welcher Perspektive und mit welchem Ziel diese Zahlen interpretiert werden, richtig? Wenn dem so ist, passt für mich ein Ausspruch von Molière wunderbar als Schlusswort unseres heutigen Treffens: »Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen verleiht«.

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