Titel: Gut, weil gerne

Wer tut, was er liebt, muss nie wieder arbeiten

Die Arbeitswelt am Beginn des 3. Jahrtausends steht Kopf: Die Zahl der Alten steigt, die Belastungen im Beruf nehmen dramatisch zu. Immer weniger müssen immer mehr arbeiten. Stress und psychosoziale Erkrankungen sind mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Fachleute warnen vor einem kollektiven Burnout der erwerbstätigen Bevölkerung. Das muss nicht sein, versprechen Berufsberater und Coaches. Sie fordern dazu auf, stärker auf Talente und weniger auf verbriefte Qualifikationen zu blicken. „Inneres Feuer“ statt akademischer Abschluss? „Intrinsische Motivation“ statt Weiterbildung? Broterwerb oder Selbstverwirklichung? 360° unternimmt einen Ausflug in eine Arbeitswelt voller Widersprüche und Gegensätze …

„Na, was willst du denn später mal werden?“ Die Antworten von Kindern kommen meist wie aus der Pistole geschossen: Astronaut, Fußballspieler, Pilot, sagen die Jungen, Friseurin, Verkäuferin oder Tierärztin sagen die Mädchen. Die Liste der Traumberufe ist lang und bunt. 20 Jahre später sieht die graue (Berufs-)Welt oft anders aus: Der kindliche und rein emotionale Berufswunsch ist rationalen Überlegungen gewichen. Wer einen Beruf ergreifen oder ein Studium beginnen will, schaut nach Trends auf dem Arbeitsmarkt und hört auf Empfehlungen aus dem Freundeskreis. Er besucht Jobportale, studiert Blogs und liest Bücher.

Weitere 20 Jahre später sieht dieselbe Welt ein weiteres Mal anders aus: Der Job macht keinen Spaß, die Arbeit wird zur Last, der seelische Stress nimmt zu, die Motivation sinkt. Und das bei gleichzeitig steigendem Arbeits- und Erfolgsdruck. Laut BKK-Gesundheitsstudie 2009 steigt die Zahl der arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen rapide. Allein in den ersten beiden Monaten 2010 nahmen die diagnostizierten Seelenleiden um elf Prozent zu. Mittlerweile ist jede zehnte Krankschreibung auf psychische Erkrankungen zurückzuführen: Mit 33 Krankheitstagen pro Jahr liegen Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen weit über dem Durchschnitt. Zum Vergleich: Herz-Kreislauf-Erkrankungen schlagen mit 19, Rückenleiden mit 20 Krankheitstagen zu Buche.

Studium: (K)eine Entscheidung fürs Leben

Macht Arbeiten also krank? Oder, anders gefragt: Fehlt den Arbeitenden die Lust und die Identifikation mit ihrem Tun? Und damit die Energie, das berufliche Tagwerk mit Begeisterung und Leidenschaft zu verrichten? Vermutlich trifft häufig beides zu. Dass die Loyalität der Arbeitnehmer mit ihrem „Brötchengeber“ seit Jahren leidet, weist in aller Regelmäßigkeit der „Gallup Engagement Index“ nach. Die Studie untersucht die emotionale Bindung von abhängig Beschäftigten – und kommt zu einem fatalen Ergebnis: 67 Prozent der Befragten (Stand: 2008) fühlen sich ihrem Arbeitgeber emotional nicht verbunden.

Sie machen „Dienst nach Vorschrift“, sind aber mit dem Herzen (und oft auch mit den Gedanken) nicht wirklich bei der Sache. Kein Wunder also, dass viele Arbeitgeber über mangelnde Loyalität und fehlende Effizienz klagen. Zwar hat die globale Weltwirtschaftskrise laut einer Studie des Personaldienstleisters Kelly Services dazu geführt, „dass jeder vierte Beschäftigte seinem Arbeitgeber gegenüber treuer ist, als vor der Krise.“ Fest steht dennoch: Unternehmern und Personalentscheidern scheint es vielfach nicht zu gelingen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Boot zu holen. Um es mit dem Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: Arbeitgeber lassen Holz sammeln, Aufgaben ver- und Arbeit einteilen. Aber sie lehren nicht die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer … „Schade eigentlich, denn die Unternehmen verschenken wertvolle Ressourcen“, findet Patrick Seiler. Der 46-jährige Psychologe und Coach leitet das „Institut für Perspektive, Sinn und Entwicklung“ in Hombrechtikon (Schweiz). Eine seiner Initiativen heißt „Die Welt braucht Innere Feuer“. Was esoterisch klingt, ist in Wahrheit ein Konzept, das den „inneren Motor“ eines Menschen im Visier hat. „Die intrinsische Motivation ist der zentrale Antreiber, eine reich gefüllte Energiequelle“, erklärt der studierte Pädagoge und fügt hinzu: „Dabei spielt es erst einmal keine Rolle, wer welchen Beruf ausübt.“ Anders ausgedrückt: Wer auf seine inneren Signale vertraut, wird über kurz oder lang auch den zu ihm passenden Job finden – und sich möglicherweise zu was auch immer berufen fühlen. Den Weg dorthin begleitet Patrick Seiler gemeinsam mit seiner Kollegin Christiane Amini. Die beiden bieten
Workshops an, in denen die Teilnehmer auf eine viertägige Entdeckungsreise gehen. Ziel: Das „Innere Feuer“ entdecken – oder wiederentdecken. Neben dem „Inneren Feuer“ komme es auch auf das Erkennen der eigenen Talente an, findet Seiler: „Inneres Feuer und Talent liegen oft nahe beinander.“

Unlängst hat der Schweizer einen Workshop mit Studenten einer deutschen Universität gemacht. Dabei ist ihm aufgefallen, „dass bei jungen Menschen der Sturkopf stärker wiegt, als die Wirkung des eigenen Talents.“ Was so viel bedeutet wie: Wer sich entschieden hat, Jura zu studieren, merkt oft erst viel später, dass er als Historiker möglicherweise erfolgreicher – ganz sicher aber glücklicher – gewesen wäre. Die gute Nachricht: Heutzutage ist eine Studienentscheidung keine Berufsentscheidung für das ganze Leben mehr. Jugendliche, deren Eltern einen akademischen Abschluss in der Tasche haben, entscheiden sich meist für den Gang an die Uni. Wer die Realschule absolviert hat, versucht es mit einer Ausbildung. Dabei zeigt die Wahl des Studiengangs und des Berufs: Entschieden wird nach ökonomischer Perspektive, nicht nach Talent. Und schon gar nicht nach „Innerem Feuer“. Ein Fehler, der sich später vor allem für die Arbeitgeber rächt, wie viele Experten glauben. So sagt zum Beispiel der Wirtschaftsberater Ralf Overbeck: „Wer sich zu seinem künftigen Beruf nicht auch berufen fühlt, wird später nicht über das Mittelmaß hinauskommen. Denn die eigenen Stärken, Neigungen, Interessen, Potenziale – kurz alles, was einem Menschen in der Regel Spaß macht – sind wesentliche Indikatoren für eine sinnvolle Berufswahl und einen erfolgreichen und nachhaltigen Einstieg in das Berufsleben.“

Die eigenen Talente entdecken

Laut Overbeck gibt es einen zentralen menschlichen Mechanismus: „Das, was uns interessiert, dafür wenden wir gerne Zeit auf. Das macht uns Spaß und in den meisten Fällen kommt es dann zu guten bis sehr guten Ergebnissen.“ Doch der Studienalltag sieht häufig anders aus. Das Deutsche Studentenwerk berechnet beispielsweise für eine Studiendauer von zehn Semestern durchschnittliche Kosten in Höhe von 51.000 Euro. Eine falsche Studienwahl wird, laut Overbeck, meist erst nach zwei oder drei Semestern korrigiert – also
nach einer Investition der Eltern oder der Studierenden in Höhe von 10.000 bis 15.000 Euro. Selbst relativ junge Angebote wie ein praxisorientiertes Bachelor-Studium – von vielen als „Discount-Studium“ verpönt – scheinen die berufliche Orientierung nur teilweise zu beflügeln. Laut Hochschul-Informations-System (HIS) scheiterten von den Studienanfängern der Jahre 2000 und 2004 an deutschen Universitäten insgesamt 25 Prozent der Bachelor-Studenten. An den Fachhochschulen stiegen sogar 39 Prozent wieder aus und orientierten sich neu. Daran hat auch die Einführung von Studiengebühren nur wenig geändert: Im Jahr 2009 sagte immer noch jeder vierte Student der Uni Adieu. „Dabei zeigt die Praxis immer wieder, dass Abbrechern oft ein klares Bild über die eigenen Fähigkeiten und das gewählte Studienfach fehlt“, sagt Coach Ralf Overbeck und empfiehlt, „dass man seine eigenen Stärken erkennen und danach handeln muss.“

Wie finde ich einen Beruf, der zu mir passt? Bei der Beantwortung dieser Frage folgen Schülerinnen und Schüler nicht selten dem elterlichen Rat. Ein Fehler, wie die Trainerin und Autorin Uta Glaubitz findet. So rät die Expertin den Eltern im Nachrichtenmagazin „Focus“, sich besser nicht in die Berufsfindung der Kinder einzumischen.

Zu häufig werde der Nachwuchs in Karrieren gedrängt, die man selbst gerne gemacht hätte. Damit das nicht passiert, schreibt Glaubitz Bücher („Der Job, der zu mir passt“) und gibt Seminare. So wird im Workshop „Individuelle Berufsfindung“ für jeden Teilnehmer ein Beruf und eine Umsetzungsstrategie entwickelt. Gefahndet wird dabei nach Fähigkeiten und Stärken, Interessen und Motivationen. Das Ergebnis: Ein individueller Plan für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben.

Gut, weil gerne: Wer das, was er tut, gerne macht, leistet mehr. Er arbeitet effizient und ist loyal. Personalverantwortliche sollten mehr auf Talente und weniger auf formale Qualifikationen achten. Dann entsteht eine ausbalancierte Arbeitswelt, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber glücklich und erfolgreich sind.

Weiterführende Links

Mehr Hintergrundinformationen, Studien und wissenswerte Fakten
finden Sie unter anderem auf diesen Internetseiten:

» www.gallup.com
» www.kellyservices.de
» www.individuelle-berufsfindung.de
» ww.inneres-feuer.de
» www.overbeck-consulting.de

Rubrik: ,

  • Bookmark and Share

Kommentare sind geschlossen.